X Meinung

Dienstag, 30. März 2010

Gedanken zum Bildungsdiskurs

Als FH-Dozent fühle ich mich angeregt, Stellung zu beziehen zum Bologna-Prozess, zur Kritik daran und zum Bildungsdiskurs, der durch die StudentInnen-Proteste ausgelöst wurde.
Deshalb veröffentliche ich hier mal ausnahmsweise keinen Text, der direkt auf die Gemeinwesenarbeit bezogen ist:

FH als Aufwertung der Ausbildung zur Sozialen Arbeit


Zuerst muss betont werden, dass der Bildungsumbau zumindest indirekt für die Soziale Arbeit auch große Vorteile bringt. So besteht zum ersten mal ein akademisches Studium auf Hochschulniveau mit (zumindest theoretischen) Anschlussmöglichkeiten an ein Doktoratsstudium. Bevor die Ausbildung zur Sozialen Arbeit auf der FH verortet war, befand sich die Ausbildung auf den Akademien im Bildungssystem in einer Sackgasse. Nach dem Akademieabschluss, hatten die AbsolventInnen in Bezug auf weiterführende Studien fast nichts in der Hand. Jetzt gilt auch der Akademieabschluss als BA-Abschluss. Die Soziale Arbeit ist somit, zumindest was die Ausbildung anlangt, aufgewertet worden und auf Hochschulniveau angelangt. So ist es in Österreich auch zum ersten mal möglich, Forschung und Entwicklung systematischer zu entwickeln.

Diskutierbar ist, ob eine dreijährige Ausbildung im Rahmen des Bakkalaureats reicht. Die Anforderung, sowohl einen wissenschaftlichen Zugang zur Sozialen Arbeit zu vermitteln, der den hohen Anspruch an die Profession gerecht wird und die interdisziplinäre Zusammenarbeit erleichtert, als auch einen lebensweltnahen Zugang herzustellen, ist sehr hoch und in drei Jahren nur schwer erreichbar.

kritischer Diskurs statt nur „verwertbare“ Ausbildung


Groteskerweise muss also festgestellt werden, dass das FH-Wesen, das sich ja relativ konsequent an den Bologna-Prozess hält und eine „praxisnähere“ („verwertbare“) Ausbildung bringen soll, für die Soziale Arbeit fast das Gegenteil bringt, nämlich eine Akademisierung, auch in dem Sinn, dass nicht (nur) die Verwertbarkeit für die Praxis im Vordergrund steht, sondern die theoretische Begründung und wissenschaftliche Reflexion. Vielen Lehrenden auf der FH vertreten m.E. die Meinung, dass in der Ausbildung zur Sozialen Arbeit nicht nur die Wissensvermittlung im Vordergrund stehen kann, sondern auch der kritische Diskurs und die Reflexion – auch zwischen den Studierenden und den Lehrenden. Es ist nicht so, dass die Lehrenden „die Wissenden“ sind und die Studierenden „die Unwissenden“, sondern dass Wissen und Verständigung erst durch Diskussion entsteht – auch im Rahmen der Lehre.
Dieser kritische Diskurs und die Reflexionskompetenz ist auch in der Praxis von Bedeutung, weil SozialarbeiterInnen ja dauernd gefordert sind, sich mit neuen lebensweltlichen Herausforderungen in strukturellen Kontexten auseinander zu setzen.

wider die Verschulung am BA!

Allerdings ist am BA-Studiengang für Soziale Arbeit am FH Campus Wien trotzdem feststellbar, dass sich der Bildungsumbau auch problematisch auswirkt. Für Lehrende scheint der Druck zuzunehmen, dass in kurzer Zeit möglichst viel Wissen vermittelt werden soll, worunter der Diskurs leidet und was zu einem KonsumentInnen – ProduzentInnen – Verhältnis zwischen Studierenden und Lehrenden führt. Neben einer verstärkten diskursiven Ausrichtung der Ausbildung, sollte zukünftig also überlegt werden, ob die Grundausbildung nicht länger als 6 Semester dauern sollte (so wie u.a in Deutschland wieder breit diskutiert), inwiefern die Wahlmöglichkeit der Studierenden erhöht werden könnte, sowie wie neue Formen des selbstorganisierten Lernens (weiter)entwickelt werden könnte (so werden beispielsweise in Deutschland neue Regelungen der Anwesenheitspflicht durch die Selbstkontrolle der Studierenden diskutiert und tw. erprobt).
Ein weniger verschultes System bedeutet ja nicht, dass von den Studierenden keine Leistung gefordert wird – wie z.B. im Rahmen von Forschungsprojekten, Abschlussarbeiten, aber auch der Praktikas. Tatsächlich sind die Studierenden auf der FH derzeit sehr gefordert, zu lesen, zu denken, zu schreiben, aber auch sich mit sich selbst und der Umwelt auseinander zu setzen – und das besonders in den Studienbereichen, die tw. weniger stark verschult sind (Forschungswerkstätten, Abschlussarbeiten und Praktikas).

Ausschluss oder Integration durch (Aus-)Bildung?

Schließlich stellt sich aus der Perspektive der Sozialen Arbeit auch die Frage, inwiefern die Umgestaltung der Bildung zur „verwertbaren“ Ausbildung, Auswirkung auf die Integration von benachteiligten Menschen. Dies folgenden Fragen können hier nicht beantwortet werden, sie sollen aber gestellt werden:

Wie wirken Zugangsbeschränkungen auf Menschen, die aus bildungsferneren Milieus stammen?
Wie wirkt der zunehmende Leistungsdruck, der nicht nur mit dem Umbau der Bildung zur Ausbildung im Rahmen des Bologna-Prozesses zusammenhängt, auf die Integration bzw. Ausschluss von Menschen aus sozioökonomisch benachteiligten Milieus (z.B. Mindeststudiendauer und Anspruch auf Familienbeihilfe)?


Ich begrüße es, dass die Studierenden-Proteste eine europaweite Diskussion zu Bildung ausgelöst haben und hoffe, dass diese auch weitergeführt wird!

Christoph Stoik

Sonntag, 27. September 2009

Kommentar zur Integrationsdebatte

Was ist mit Rauscher vom Standard los ist? zuerst schießt er sich auf Graffities ein und jetzt auf türkische Jugendliche (siehe Kollumne am Do)? Ärgerlich, wenn aufgeklärte Meinungsmacher, Oberflächliches zu Integration von sich geben. Das Problem ist ja nicht, dass Jugendliche untereinander türkisch sprechen, und von Rauscher auf der Straße nicht verstanden werden. Das Problem ist, dass der Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt für manche Menschen immer schwieriger wird. Und das ist in erster Linie ein Problem der Zugänge/Barrieren und weniger ein kulturell-ethisches.

Ich plädiere außedem dafür, bei der Diskussion nicht zu vieles miteinander zu vermengen. ZU trennen ist meiner Meinung nach die Debatte um den Zugang von Menschen zu Bildung und Arbeitsmarkt und eine Werte-Diskussion. Aber auch bei dieser zweiten Diskussion sind die Bruchlinien nicht in erster Linien zwischen Kulturen in einem national-ethischen Sinn zu suchen. So kann ja nicht nur "die Zwangsheirat" Problematisiert werden, sondern auch Alltagsrassismen, oder aber auch die Regeln einer neoliberalen Wirtschaftsgesellschaft, in der Konkurenz höher bewertet wird als Kooperation und Verständigung.

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